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Müde bei der Arbeit?

Sind Sie beim morgendlichen Weckerklingeln auch nie richtig wach und gähnen sich durch den ganzen Arbeitstag? Dann leiden Sie vielleicht auch an sozialem Jetlag – ein Schlafdefizit, bei dem die innere Uhr anders tickt als die gesellschaftliche. Mögliche Folgen: Übergewicht, Alkohol- und Nikotinsucht.

Beim sozialen Jetlag besteht mehr als eine Stunde Differenz zwischen der eigenen, biologischen Uhr und der von außen vorgegebenen Zeit. Ganze 70 Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen. Das erklären die Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität München, die ihre 10-jährige Studie zum Thema „Schlaf jetzt“ veröffentlichten.

Beispiel: Der tägliche Arbeitsbeginn eines Arbeitnehmers ist 8 Uhr, er ist allerdings erst um 9 Uhr ausgeschlafen. Das bedeutet, er steht fünf Tage in der Woche mehr als eine Stunde zu früh auf. Die Folgen: ständige Müdigkeit, die Leistungsfähigkeit sinkt und die Gefahr von Übergewicht steigt – jede Stunde „Zeitunterschied“ erhöht die Wahrscheinlichkeit eines erhöhten Body-Mass-Index (BMI über 25) um 33 Prozent.

Schlafhaltung: Das sagt die Position im Schlaf über Ihre Liebe und Beziehung

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„Der soziale Jetlag kann weit reichende Folgen für die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Betroffenen haben. Er ist dem Jetlag vergleichbar, den wir nach Flügen über Zeitzonen erfahren, nur begleitet er die Betroffenen meist ein Leben lang“, erklärt Professor Dr. Till Roenneberg, Zentrum für Chronobiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Sogenannte Eulen-Typen, die abends besonders aktiv sind, haben oft Schwierigkeiten, einen frühen Arbeitsbeginn einzuhalten. Auch wenn sie früh ins Bett gehen, können sie nicht einschlafen, da ihr Organismus noch nicht im Ruhemodus ist. Heute sind die meisten Menschen Eulen. Begründung: Wir bekommen zu selten Licht – selbst in gut ausgeleuchteten Räume ist das Licht 100- bis 1000-mal schwächer als unter freiem Himmel. Je schwächer das Licht, desto später ist bei den meisten Menschen die innere Uhr.

Um den Schlafverlust an den Arbeitstagen auszugleichen, greifen Betroffene vermehrt zu Nikotin, Alkohol und anderen Stimulanzien.

„Es kommt zu einem beträchtlichen Schlafdefizit unter der Woche, das dann am Wochenende ausgeglichen wird. Aber auch Lerchen (Frühaufsteher) können unter sozialem Jetlag leiden, wenn sie zum Beispiel an Wochenenden dem Druck der vorwiegenden Eulenfreunde nachgeben, viel zu spät ins Bett kommen und dennoch am nächsten Morgen zur gewohnt frühen Zeit aufwachen“, erläutert Professor Roenneberg.

Im Rahmen der Studie füllten Probanden 65 000 Fragebögen aus. Darin wurde u. a. nach den tatsächlichen Schlaf- und Wachzeiten, der Schlafqualität, dem psychologischen Befinden sowie dem Konsum von Koffein, Nikotin und Alkohol gefragt.

Die Studie erschien jetzt im Fachmagazin Current Biology. Professor Roenneberg und sein Team sprechen sich für flexiblere Arbeitszeiten und eine Anpassung der Schulzeiten aus.

Lesen Sie hier die wichtigsten Fragen Thema Schlaf:

Wieso ist Schlaf so wichtig?
Schlaf ist lebensnotwendig, weil wir uns dabei aktiv erholen. Voraussetzung für Gesundheit, Leistungsvermögen, Wohlbefinden.


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Die wichtigsten Infos über den Schlaf   Wieso ist Schlaf so wichtig?Schlaf ist lebensnotwendig, weil wir uns dabei aktiv erholen. Voraussetzung für Gesundheit, Leistungsvermögen, Wohlbefinden.  
Die wichtigsten Infos über den Schlaf   Was passiert im Schlaf?Das Hormon Melatonin schaltet unsere Körpersysteme in den Nachtmodus. Haut-, Knochen- und Haarzellen erneuern sich, das Immunsystem regeneriert sich. Wir verdauen, speichern Gelerntes ab, erwachen im Schnitt 28 mal.  
Die wichtigsten Infos über den Schlaf   Wann ist Schlaf erholsam?Für die Erholung sind die ersten drei bis vier Stunden entscheidend, die Tiefschlafphase. Die zweite Schlafhälfte ist für die Träume.  
Die wichtigsten Infos über den Schlaf   Wie viel Schlaf braucht der Mensch?Statistiken zeigen: Neugeborene schlafen 16, Zehnjährige zehn, Erwachsene sieben Stunden, Menschen ab 65 nur noch fünf Stunden.  
Die wichtigsten Infos über den Schlaf   Wann sollte man zu Bett gehen?Für den Schlaf ist die „biologische Mitternacht“ zwischen 3 und 4 Uhr nachts wichtig. Da sollte der Tiefschlaf beendet sein. Also: Erwachsene gegen 23 Uhr ins Bett, Kinder unter zwölf spätestens um 20 Uhr.  
Die wichtigsten Infos über den Schlaf   Was sollte ich vor dem Schlaf vermeiden?Vier Stunden vor dem Schlaf keine Hauptmahlzeit essen. Schokolade ist okay. Nach 18 Uhr keine Rohkost – schwer verdaulich. Grundsätzlich abends wenig trinken (Harndrang). Den letzten Alkohol zwei Stunden vor dem Schlaf, denn Alkohol ist Arbeit für den Organismus. Tipp: Warme Getränke entspannen. Sport zwei Stunden vor dem Einschlafen beenden. Wichtig: Keine Arbeit am Computer, TV früh ausschalten – Licht wirkt aktivierend.  
Die wichtigsten Infos über den Schlaf   Was sollte ich vor dem Schlaf tun?Entspannen, ruhige Musik hören, lesen. Abendspaziergänge und lauwarme Bäder. Wir brauchen zum Einschlafen monotone Stimulation, ein paar Geräusche – Hörbücher sind toll. Sex hilft laut aktuellen Studien.  
Die wichtigsten Infos über den Schlaf   Wie sollte das Schlafzimmer aussehen?Wohnlich, warme Farben, mit Lieblingsbildern. Kein Schreibtisch, kein Computer, idealerweise kein Stauraum. Den Raum nicht stockfinster verdunkeln, aber verhindern, dass grelles Licht, z. B. von Scheinwerfern, einfällt. Kein blaues oder weißes Leselicht – unterdrückt das Melatonin, hält wach. Fenster lieber geschlossen halten, vor dem Schlaf stoßlüften.  
Die wichtigsten Infos über den Schlaf   Wo soll das Bett stehen?Nicht am Fenster, nicht an der Heizung und nicht zwischen Tür und Fenster (Zugluft). Das Kopfende an der Wand gibt Sicherheitsgefühl.  
Die wichtigsten Infos über den Schlaf   Welche Temperatur sollte das Schlafzimmer haben?18 Grad, in jedem Fall kühler als das Wohnzimmer.  
Die wichtigsten Infos über den Schlaf   Ist nackt schlafen gesund?Nein, das ist unhygienisch, weil wir pro Nacht einen halben Liter Feuchtigkeit ausschwitzen. Außerdem sollten Schulter und Nacken vor Zugluft geschützt werden. Deshalb: Schlafanzug.  
Die wichtigsten Infos über den Schlaf   Welche Schlaflage ist die beste?Die entspannendste ist die rechte Seitenlage, eingerollt. Auf der linken Seite stört der Herzschlag, auf dem Rücken schnarcht man mehr.  
Die wichtigsten Infos über den Schlaf   Soll mein Partner eine eigene Decke haben?Ja. Viele denken, der enge Schlaf sei schöner. In Wahrheit stört man sich.  
Die wichtigsten Infos über den Schlaf   Macht wenig Schlaf krank?Wer über lange Zeit wenig Schlaf findet, erhöht das Risiko für Frühdiabetes, Magen-Darm- und Herzkreislauferkrankungen und Depressionen um das Vierfache.  
Die wichtigsten Infos über den Schlaf   Was tun, wenn der Schlaf nie ausreicht?Mögliche Ursachen können Schilddrüsenunterfunktion, Schlafstörungen wie Schlafapnoe (Atemstillstand im Schlaf) oder Unruhige-Beine-Syndrom sein. Während des Reifevorgangs bei Menschen zwischen 15 und 25 tickt die innere Uhr generell anders, sie können oft nicht früh einschlafen.  

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Digitale Früherziehung

Reisen im Auto oder in der Bahn, Essen im Restaurant oder der Familienbesuch. Alles Ereignisse, bei denen kleine Kinder in der Regel wenig Geduld aufbringen und schnell anfangen zu quengeln. Was aber machen mit den Kids? Für viele Eltern lautet die Lösung: iPad oder iPhone her – und der Nachwuchs ist ruhiggestellt. Aber ist das wirklich gut für die Kleinen?

Inzwischen gibt es Tausende Apps, die sich an Kleinkinder, ja sogar bereits an Babys richten. Interaktive Spiele, in denen Körperteile benannt oder Tierstimmen erkannt werden sollen, Malprogramme, Memory. Für die Eltern von Neugeborenen gibt es sogar eine App, die die Geräusche aus dem Mutterleib imitiert, um das Baby zu beruhigen.

Beliebt sind interaktive Bilderbücher, bei denen ein Sprecher dem Kind die Geschichte vorliest. Auch die bekannten Wimmelbilder, auf denen es wörtlich vor Ereignissen wimmelt, gibt es mittlerweile digital und zum Mitmachen. Bekannte Kinderbuchverlage wie Carlsen (Pixibücher), Bastei Lübbe (Wimmelbuch) oder dtv (Vamperl) bieten diese interaktiven Bücher an.


Spielen, malen, lernen. Viele Apps richten sich an Kinder. Eltern sollten diese gut anschauen und überprüfen

Dürfen kleine Kinder so etwas überhaupt schon?

Experten lehnen den Trend nicht ab, fordern aber Ausgewogenheit im Spiel der Kinder. „Es ist wirklich wichtig, dass Kinder mit verschiedenen Spielen lernen”, sagt die Psychologin Cheryl Rode vom Kinderzentrum in San Diego. „Technische Spielereien können dazugehören, aber sie sollten das Spiel nicht dominieren, besonders nicht, wenn wir über sehr kleine Kinder sprechen.” Wenn die Kinder sich zurückzögen oder kein Interesse mehr an anderen Dingen hätten, sei das ein Warnsignal.

Kristin Langer, Medienpädagogin bei Schau hin, einer Initiative des Bundes zur Mediennutzung von Kindern, sieht den Einsatz von iPad Co. bei Kleinkindern kritisch: „Kinder unter vier Jahren haben ausreichend damit zu tun, ihre Welt zu erkunden und wahrzunehmen. Vorher sollten Eltern Kinder nicht mit elektronischen Medien konfrontieren.“

Zudem solle man Kinder nicht in Richtung elektronischer Medien schupsen. „Sie interessieren sich irgendwann von ganz alleine“, so Langer zu BILD.de.

Dennoch verdammt die Pädagogin das iPad nicht gänzlich. „Ich habe großen Respekt, was einige Apps aus pädagogischer Sicht technisch umsetzen. Ein Bilder-Memory kann auch auf dem iPad nützlich sein. Es schult die Hand-Augen-Koordination der Kinder und schärft ihre Wahrnehmung. Aber es muss immer ein Ausnahme bleiben.“

Wie lange dürfen Kinder das iPad nutzen?

„Kleinkinder unter vier Jahren sollten gar nicht mit elektronischen Medien umgehen. Bei Kindern über vier Jahren halte ich maximal 15 – 25 Minuten für sinnvoll. Das gilt bis zum Ende der Vorschule“, sagt die Expertin.

Die Psychologie-Professorin Deborah Best erklärt, dass Kinder von altersgerechten Lernprogrammen profitieren können. Aber „die Interaktion mit den Geräten ersetzt nicht die Interaktion zwischen Kindern und Eltern oder zwischen Kindern und anderen Kindern”, sagt sie. Diese Art der Kommunikation helfe Kindern zu lernen, aus Gesichtern Emotionen zu lesen und in einem Gespräch gewisse Regeln zu befolgen.

Das interaktive Kinderbuch aus dem Carlsen Verlag bietet den Märchen-Klassiker in neuem Gewand. Sie lesen die liebevoll gezeichneten Bilder Ihren Kindern entweder einfach vor oder lassen professionelle Sprecher zu Wort kommen. Ältere Kinder können in die Geschichte aktiv eingreifen und Aschenputtel auf dem Weg zu ihrem Prinzen mit leichten Aufgaben unterstützen. Für Kinder ab drei Jahren. Preis: 3,99 Euro.


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Aschenputtel – Das interaktive Märchen   Das interaktive Kinderbuch aus dem Carlsen Verlag bietet den Märchen-Klassiker in neuem Gewand. Sie lesen die liebevoll gezeichneten Bilder Ihren Kindern entweder einfach vor oder lassen professionelle Sprecher zu Wort kommen. Ältere Kinder können in die Geschichte aktiv eingreifen und Aschenputtel auf dem Weg zu ihrem Prinzen mit leichten Aufgaben unterstützen. Für Kinder ab drei Jahren. Preis: 3,99 Euro.  
Hexe Hucklas Zaubereien im Zoo   Zusammen mit ihrer englischen Freundin Witchy fliegt die kleinen Hexe Huckla in den Zoo. Dabei erlebt sie viele Abenteuer und lernt zusätzlich ganz nebenbei, wie Elefanten, Giraffen und Nilpferde auf Englisch heißen. Eine Lerngeschichte von Langenscheidt für Kinder ab vier Jahren. Preis: 0,79 Euro.  
Pixi Bücher   Die Klassiker aus dem Carlsen Verlag gibt es auch als App. Geschichten wie die vom Ritter Bodobert, den das Abenteuer ruft, oder dem Geburtstag von Kater Kasimir lassen sich bequem auf dem iPad durchblättern und vorlesen. Die Eltern können sich sogar beim Lesen selbst aufnehmen. So kann das Kind jederzeit die Geschichten von Mama oder Papa vorgelesen bekommen. Ohne Altersbegrenzung. Preis je 0,79 Euro.  
Schlaf gut!   Eine wunderschöne App basierend auf dem Einschlafbuch von Heidi Wittlinger. Der Erzähler, einfühlsam gesprochen von Dieter Moor, führt die Kinder durch eine Welt voller Tiere. Um sich selbst auf das Schlafengehen einzustimmen, müssen die Kinder helfen, die Tiere in ihr jeweiliges Bett zu bringen. Von Shape Minds für Kinder ab zwei Jahren. Preis: 2,39 Euro.  
Mensch Ärgere Dich nicht   Unter dem in Deutschland ungewohnten Namen Ludo findet sich der Brettspielklassiker auch im App Store. In der Basisversion sogar kostenlos. Für Kinder ab vier Jahren.  

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Eurovision Song Contest in Baku: Hölle und Himmel für Schwule

Eurovision Song Contest, Grand Prix, Roman Lob, Baku, Aserbaidschan, Homosexuelle, schwul

Leben in Baku offen schwul: Kamran Razayew und sein Freund Elham Bagirow© stern.de

Es ist der “Heaven for Gays”, der “Himmel für Schwule”, verspricht der Eintrag auf einer Website. Der Weg führt in einen kleinen Club in einer Seitenstraße, unweit der Metrostation Icherisheher, mitten in Bakus Innenstadt. Über der Tür steht kein Name, aber die laute Musik, die an diesem Samstagabend aus dem Keller dröhnt, ist unüberhörbar. Michael Jackson scheint in Bakus “Schwulenhimmel” gelandet zu sein. Der Türsteher davor sieht aus wie einer, der seit zwanzig Jahren vor Hamburgs prolligster Hafenkneipe Wache schiebt. Und hier soll ein Schwulenclub sein? Der Wohnzimmer große Raum mit der kleinen Bar in der Ecke ist nicht stylish oder modern eingerichtet, sondern plüschig-gemütlich. Die Beleuchtung ist schummrig, vor den roten Wänden stehen kleine Ledersofas. Von dort schauen mehrere Dutzend junge Männer gebannt zur Tanzfläche. Frauen mit aufgespritzten Lippen und bis zur Entstellung operierten Gesichtszügen bewegen sich theatralisch zu “Beat it”. Es sind Drag Queens, die mit lautem Klatschen bejubelt werden.

So sieht er also aus, der schwule Himmel in Baku. Es ist die Hauptstadt eines Landes, das als zutiefst schwulenfeindlich beschrieben wird. Homosexualität wird nicht strafrechtlich verfolgt – das gesetzliche Verbot wurde bereits 2001 abgeschafft – doch sie ist weit davon entfernt, gesellschaftlich akzeptiert oder auch nur toleriert zu werden. “Intimer Umgang in der Öffentlichkeit wird leicht als Provokation missverstanden und kann Gegenreaktionen hervorrufen bis hin zur Abmahnung durch die Polizei”, schreibt das Auswärtige Amt in Berlin in seinen Sicherheitshinweisen. Obwohl die aserbaidschanische Führung nicht müde wird zu versichern, dass alle Gäste in Baku willkommen seien, sind es solche Warnungen, die kurz vor Beginn des Eurovision Song Contest viele schwule Fans, die nach Baku reisen, zutiefst verunsichern.

“Wir sind kein schwulenfeindliches Land”

“Wir sind nicht der Iran”, sagt Kamran Razayew. Der 39-Jährige lebt offen schwul und leitet in Baku die Nicht-Regierungsorganisation Gender Development, die staatlich registriert ist und durch internationale Spenden finanziert wird. “Wir sind kein schwulenfeindliches Land”, sagt Razayew. Die Warnung des Auswärtigen Amtes kann er nicht nachvollziehen. Er habe noch nie Ärger mit der Polizei gehabt. “Mich hat noch nie jemand auf der Straße beleidigt oder gar attackiert”, sagt auch sein Freund, Elham Bagirow, mit dem er seit zwölf Jahren zusammenlebt. Er bezeichnet das überwiegend muslimische Aserbaidschan als das toleranteste Land im Kaukasus. “Wir sind nicht das homophobe Russland und haben auch keine Kirchen, die mit Kreuzen gegen Schwule zu Felde ziehen.” Aserbaidschan würde oft als das “hinterletzte Land” dargestellt, doch er als Schwuler könne hier “sehr gut leben”.

Bakus wunderschön restaurierte Fußgängerzone wirkt tatsächlich wie das Paradies für Schwule. Über das sauber geputzte Kopfsteinpflaster, vorbei an prächtigen Jugendstilfassaden, flanieren Dutzende von jungen Männern Arm in Arm. Sie haben sich untergehakt oder legen die Hand um die Schulter ihres Freundes. Für westliche Augen ein ungewohntes Bild, für den Kaukasus etwas völlig Alltägliches. Es ist lediglich ein Ausdruck von Freundschaft, niemand würde auf die Idee kommen, dieses Verhalten als schwul zu assoziieren.

“Im besten Fall wird Homosexualität toleriert, solange sie nicht öffentlich gezeigt oder gar Anspruch auf Anerkennung erhoben wird”, erklärt Yasemin Pamuk, die im Kaukasus für die Friedrich-Naumann-Stiftung arbeitet. Es werde klar unterschieden zwischen dem aktiven und dem passiven Partner. Der Passive werde häufig zum Opfer von Stigmatisierung. “In den Augen der Gesellschaft ist seine Männlichkeit kompromittiert worden und er hat damit die Männlichkeit seiner Geschlechtsgenossen infrage gestellt”, erklärt Pamuk.

Viele Homosexuelle führen ein Doppelleben

Was diese Stigmatisierung bedeutet, ist auch in der Kellerdisco zu beobachten. Einer der Jungs zieht an seiner Zigarette. Obwohl es ziemlich warm geworden ist in dem Raum, der kaum größer ist als ein Wohnzimmer, hat er seine Lederjacke anbehalten. Er will cool aussehen, guckt abfällig den anderen Männern zu, die zu Tarkan tanzen, während er eine der Drag-Queens im Arm hält. Sein Machogehabe wirkt nicht antrainiert. Keiner würde auf die Idee kommen, ihn für schwul zu halten. Und auch er selbst ist felsenfest davon überzeugt, heterosexuell zu sein. Obwohl er gerade jemanden im Arm hält, der zwar wie eine Frau aussieht, aber anatomisch ein Mann ist. Eine schizophrene Überlebensstrategie.

Ein schwuler Sohn ist für die meisten Eltern in Aserbaidschan eine Katastrophe. Viele Schwule werden von ihrer Familie verstoßen, andere werden in Ehen gezwungen. “Die meisten Schwulen, die ich in Baku kennengelernt habe, leben nicht offen”, sagt Idris Roberts. Der 37-jährige Brite arbeitet seit einem Jahr als Architekt in Aserbaidschans Hauptstadt. Viele führten ein Doppelleben nach dem Motto “Don’t ask, don’t tell” (“nicht fragen und nichts sagen”). Er vergleicht die Situation von Homosexuellen vor Ort mit der in Westeuropa vor zwanzig oder dreißig Jahren. “Da waren auch die wenigsten geoutet.” Aber Schwule hätten heute wenigstens die Möglichkeit, sich übers Internet kennenzulernen und zu organisieren. “Seiten wie gayromeo.com oder gaydar.com sind in Aserbaidschan frei zugänglich.”

Roberts erzählt von einem Freund, der beim Küssen auf der Straße erwischt worden ist. Es sei genau das passiert, wovor die Deutsche Botschaft gewarnt habe. Die Polizei habe ihn mitgenommen und versucht, Geld von ihm zu erpressen. “Die haben es gar nicht mal auf Schwule abgesehen, das ist eben ein korruptes Land”, sagt er. Doch er glaubt, dass sich das zum Eurovision-Song-Contest niemand trauen wird, schon gar nicht bei Ausländern.

“Wir stehen am Anfang einer Entwicklung”

Auch in dem kleinen Schwulenclub, der nur wenige hundert Meter von der iranischen Botschaft entfernt liegt, scheint es fast so, als sei Küssen verboten. Aus den Lautsprechern tönt noch immer türkischer Ethno-Pop. Viele Männer haben angefangen zu tanzen. Sie gucken sich verliebt an, so wie das Schwule in Clubs in Berlin, Paris oder Madrid auch tun. Doch in Baku halten sie sich mit gegenseitigen Liebkosungen auffällig zurück. Sie flirten und halten sich im Arm, doch ein Kuss scheint etwas Unerreichbares zu sein.

“Wir stehen am Anfang einer Entwicklung”, sagt Razayew. Von Antidiskriminierungsgesetzen oder der Gleichstellung von Homosexuellen im Alltag sei Aserbaidschan noch weit entfernt. Doch das sei im Moment gar nicht sein Ziel. “Wir wollen Homosexuellen psychologische und humanitäre Hilfe geben und betreiben gesundheitliche Aufklärung”, erklärt er seine Arbeit bei Gender Development. Die schwule Gemeinschaft ist noch nicht bereit für politische Aktionen in der Öffenlichkeit wie eine Schwulenparade”, glaubt er. Doch auch wenn sich Männer in der Öffentlichkeit nicht küssen könnten, blieben Schwulen im Alltag einige Freiräume.

Einer ist der kleine Kellerclub am Icherisheher. Dort wird auch am kommenden Samstag wieder Michael Jackson gespielt werden. Dutzende Schwule werden dann dazu feiern. Ohne sich zu küssen. Vielen Schwulen aus Westeuropa mag das eher wie die Hölle vorkommen. Doch für viele Aserbaidschaner ist es der Himmel.

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Sport: Mission erfüllt

Später hält Drogba eine kleine Rede, es geht dabei weder um das 1:1, noch um sein alles entscheidendes Tor im Elfmeterschießen. Drogba redet nicht gern über sich, umso lieber über andere. Über „unsere fantastischen Fans, die uns nach dem Rückstand zurück ins Spiel gebracht haben“. Über seine Trainer in acht Jahren bei Chelsea, „ich bedanke mich bei allen, sie haben aus mir einen besseren Fußballspieler und einen besseren Menschen gemacht“. Über seine Kollegen Petr Cech („Der beste Torhüter der Welt“) und Ashley Cole, „denn wenn er im Achtelfinale gegen Neapel nicht auf der Linie gerettet hätte, wären wir heute nicht hier“. Und natürlich über Chelsea: „Das ist ein großer Tag für unseren Klub. Endlich kommt der Cup zurück an die Stamford Bridge!“

Das ist in doppelter Hinsicht nicht ganz korrekt formuliert. Denn erstens kann die riesige Silbervase für Europas beste Klubmannschaft gar nicht zurückkommen zum FC Chelsea, weil sie dort noch nie war – die Blauen sind überhaupt der erste Londoner Klub, der die Trophäe in die britische Hauptstadt holt. Und zweitens ist der große Tag schon gut eineinhalb Stunden lang Geschichte, als Drogba seinen Vortrag vor der Weltpresse hält. Nach acht Jahren im blauen Trikot hat er dem milliardenschweren Klubbesitzer Roman Abramowitsch endlich den ersehnten Triumph gebracht. Drogba ist kein Getriebener, kein Unvollendeter mehr, so wie Chelsea nicht mehr der hämisch beäugte Beweis dafür ist, dass Erfolg im Fußball nicht käuflich ist. Abramowitschs Investment hat sich in Erfolg ausgezahlt. Und niemand steht dafür so wie Didier Yves Drogba Tébily, der 34 Jahre alte Stürmer aus Abidjan an der Elfenbeinküste.

Als Drogba im Frühling 2004 von Marseille nach London transferiert wurde, war er vor allem ein Spekulationsobjekt. Für die klammen Franzosen, weil sie sich mit der damals atemberaubend anmutenden Ablöse von 36 Millionen Euro auf einen Schlag sanierten – geholt hatten sie Drogba ein Jahr zuvor für sechs Millionen. Und für Abramowitsch, weil er seinen gerade erworbenen Klub so schnell wie möglich nach oben bringen wollte und der kurz zuvor noch weitgehend unbekannte Drogba das begehrteste Objekt auf dem internationalen Transfermarkt war. In seiner besten Zeit war Drogba mit seiner Symbiose aus körperlicher Wucht, technischer Brillanz, Torgefahr und intuitiver Spielintelligenz der beste Stürmer der Welt. Er hat Chelsea zu Pokal und Meisterschaft geführt und neun Tore in Endspielen geschossen. Aber der ganz große Erfolg blieb ihm wie Abramowitsch versagt.

In der Nacht zu Sonntag nun stand der russische Finanzier auf der Tribüne, ein unscheinbarer Mann mit Dreitagebart und Strickjacke. Als Drogba auf dem Weg zur Siegerehrung an ihm vorbeischritt, fielen sie sich kurz in die Arme. Drogba nennt Abramowitsch kurz und respektvoll „The Owner“. Der Klubbesitzer hat sein Ziel erreicht, und das mit der wahrscheinlich schwächsten Mannschaft, die Chelsea seit der russischen Übernahme vor neun Jahren zur Verfügung hatte.

Wenig Brillanz steckte in Chelseas Auftritt in München, nie zuvor hat eine in der offenen Auseinandersetzung derart unterlegene Mannschaft die Champions League gewonnen. Alle auf Londoner Seite lobten die Leistung der Bayern, allen voran Drogba, der gleich zu Beginn der Verlängerung mit einem Tritt in die Ferse von Franck Ribéry jenen Elfmeter verursacht hatte, mit dem den Arjen Robben den Siegtreffer für die Bayern hätte erzielen können. Aber auch in Folge dieser Szene war das Momentum auf Chelseas Seite. Vorbei und vergessen, aber nicht für Drogba, er faltete, als alles vorbei war, seine Arme um Robben, mit dem er zu Beginn seiner Zeit in Chelsea den Sturm gebildet hatte. „Entscheidend war etwas, das du verinnerlichst, wenn du ein Chelsea-Spieler bist“, sagte Drogba. „Das ist unsere DNA: Ein Chelsesa-Spieler gibt nie auf, und wenn es auch noch so hoffnungslos aussieht. So sind wir gegen Neapel zurückgekommen, und so haben wir diesen Pokal gewonnen, dem wir seit acht Jahren so nah waren und der dann doch immer so weit weg war.“

Diktion und Emphase dieses nächtlichen Auftritts lassen darauf schließen, dass es sich um eine Abschlussrede handelt. Drogbas Mission beim FC Chelsea ist erfüllt. Er gibt keine Antwort auf die immer wiederkehrende Frage, ob dies denn nun sein letztes Spiel für Chelsea gewesen sei. „Also, in dieser Saison war es das letzte Spiel. Alles andere werden wir sehen. In emotionalen Situationen wie diesen soll man keine Entscheidungen treffen.“ Ende des Vortrags. Didier Drogba will zurück zu seinen Kollegen, zurück zu den Freuden der Nacht von München und ihren Sorgen. Sorgen? Natürlich, Drogba lacht und sagt: „Das Spiel war so schwer und aufregend, es hat unglaublich viel Kraft gekostet. Ich weiß gar nicht, ob wir noch genug Energie für die Party haben.“

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